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Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigung und damit einhergehende Niedrigeinkünfte sind die Hauptursachen für Überschuldung. Überschuldung wiederum beschleunigt Jobverlust und verhindert Eintritte in Arbeit. Die Aktionswoche Schuldnerberatung 2015 hat auf diesen Zusammenhang hingewiesen.

Für Schleswig-Holstein hat der Schuldenreport 2015 gezeigt, dass dauerhaftes Niedrigeinkommen ein zunehmender Hauptauslöser von Überschuldung ist.

Laut Statistischem Bundesamt bezogen Ende 2013 bundesweit rund 3,1 Mio. Erwerbstätige ein Einkommen unterhalb der Armutsgefährdungsquote – 25% mehr als 2008. Quelle

Zum Jahresende 2015 erhielten in Deutschland knapp 8,0 Mio. Menschen und damit 9,7% der Bevölkerung soziale Mindestsicherungsleistungen. Damit sind finanzielle Hilfen des Staates gemeint, die zur Sicherung des grundlegenden Lebensunterhalts dienen. Gut 5,8 Mio. Menschen erhielten Leistungen nach dem SGB II, 1 Mio. Menschen Leistungen nach dem SGB XII, ebenso viele Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. In Schleswig-Holstein waren im vergangenen Jahr 295.124 Personen auf Mindestsicherungsleistungen angewiesen. Das entspricht einem Anteil von 10,3% an der Gesamtbevölkerung. Quelle

Derzeit findet eine breite Armutsdebatte statt. Im Kern geht es (wieder) um die Messung, die Ursachen und das Ausmaß von Armut. Das geschieht auch vor dem Hintergrund des 5. Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung, der in diesem Jahr erscheinen soll.

Im Folgenden möchten wir die wichtigsten Begriffe dieser Diskussion wie z. B. Mindestlohn, Niedriglohn, atypische und prekäre Beschäftigung oder verdeckte Armut erläutern und mit Zahlen unterlegen. Vorab stehen einige Zahlen aus der Basisstatistik 2014 und zur Armut in Deutschland.

Aktivitäten zur Aktionswoche in Schleswig-Holstein

Eine Übersicht über alle Veranstaltungen, die innerhalb der Aktionswoche in Schleswig-Holstein stattfanden, finden Sie hier (Stand 15.06.2015).


Pressemitteilungen / Presseberichte (Auswahl)

Koordinierungsstelle, 11.06.2015: Pressemitteilung "Arm und überschuldet - trotz Arbeit"

Schleswig-Holstein Magazin, 20.06.2015 (ab Minute 8)
LN-Online, 15.06.2015:  Bad Segeberg "Beratung zu Wegen aus den Schulden"
LN-Online, 15.06.2015: Eutin "Offene Sprechstunde der Schuldnerberatung"
Norddeutsche Rundschau, 14.06.2015: Brunsbüttel "Wenn das Einkommen nicht ausreicht"
Flensburger Tageblatt, 10.06.2015: Flensburg "Privatinsolvenz: Gefangen in der Schuldenspirale"
shz.de, 10.06.2015: "Arm trotz Arbeit? Wie man in die Schuldenfalle rutscht"
shz.de, 10.06.2015: "Aufstocker besonders oft überschuldet"

Auf der Internetseite zur Aktionswoche finden sich neben dem Forderungspapier der AG SBV zur Aktionswoche weitere lesenswerte Materialien.

Insgesamt wurden im Jahr 2014 26.780 Personen beraten. Sämtliche Kurzberatungen, z. B. im Rahmen von Krisenintervention, sind hier nicht erfasst.

Einige Schlaglichter:

Erwerbssituation: 33,9 % der Beratenen waren abhängig erwerbstätig, 44,7 % arbeitslos

Berufsausbildung/Studium: 57,8 % hatten eine Berufsausbildung/Studium, 39,4 % waren ohne Berufsausbildung/Studium

Hauptauslöser Überschuldung: Arbeitslosigkeit (18,7 %), unwirtschaftliche Haushaltsführung (17,1 %), Erkrankung, Sucht (13,7 %),  Trennung / Scheidung (12,7 %)

Nettoeinkommen beratene Person: unter 900 € (46,8 %), 900-1.300 € (25,6 %)

Mehr Informationen zur Landesauswertung finden Sie im Schuldenreport 2015 der Koordinierungsstelle.

Mehr zur bundesweiten Überschuldungsstatistik finden Sie hier.

20,0 % der deutschen Bevölkerung (16,1 Mio. Menschen) waren 2015 von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Dieser Wert ist seit 2008 relativ konstant geblieben.
Damit sind nach Definition von Eurostat, dem Statistikamt der EU, Menschen gemeint, auf die mindestens eins der drei folgenden Kriterien zutrifft: Armutsgefährdung, erhebliche materielle Entbehrungen und die Zugehörigkeit zu einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung. Quelle (dort auch methodische Hinweise zur Armutsmessung)

Wer weniger als 60 % des mittleren Einkommens zum Leben hat, gilt nach der EU-weit geltenden Definition als armutsgefährdet. In 2015 waren in Deutschland 16,7 % der Bevölkerung oder rund 13,4 Mio. Menschen betroffen.

Der Schwellenwert der Armutsgefährdung lag 2015 bei
1.033 € netto monatlich für einen Alleinstehenden.
2.170 € netto monatlich für 2 Erwachsene und 2 Kinder unter 14 J. Quelle

In Schleswig-Holstein galten im Jahr 2015 15,7 % der Bevölkerung als armutsgefährdet. Quelle (Landesmedian)


Die Armutsgefährdungsquote lag im Jahr 2015 in allen westdeutschen Bundesländern außer Hamburg über dem Niveau des Jahres 2005. Der Anstieg des Armutsrisikos in den letzten 10 Jahren war in Nordrhein-Westfalen am stärksten (+3,1 %). In Schleswig ist ein Anstieg von 1,3 % zu verzeichnen.

Die zeitliche Entwicklung der Armutsgefährdung verlief in den Bundesländern unterschiedlich und meist nicht kontinuierlich. Quelle

Die Einkommensverteilung in Deutschland wird zunehmend undurchlässiger. Armut und Reichtum werden immer dauerhafter. Das zeigt der Verteilungsbericht 2016 des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI). Der Bericht analysiert, wie sich die Einkommensmobilität in West- und Ostdeutschland seit Anfang der 1990er Jahre entwickelt hat.

Dabei wird deutlich: Die Einkommensverteilung hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verfestigt, die Abstände zwischen hohen und niedrigen Einkommen spürbar gewachsen. Die Ungleichheit bei der Einkommensverteilung in Deutschland hat einen neuen Höchstwert erreicht. Vor allem in Ostdeutschland ist die Durchlässigkeit zwischen Einkommensklassen seit der Wiedervereinigung stark rückläufig. Die Einkommensreichen können sich ihrer gehobenen sozialen Lage immer sicherer sein. Wer hingegen einmal arm ist, für den wird es immer schwieriger, diese Situation zu überwinden. Die Hälfte der armen Menschen schafft es nicht, innerhalb von fünf Jahren aus der Armut herauszukommen – deutlich mehr als noch in den 1990er Jahren.

Immer mehr Menschen werden so dauerhaft an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Dies gefährde den sozialen Zusammenhalt in Deutschland und verletze das Prinzip der Chancengleichheit, so der Bericht.

Viele dieser Entwicklungen vollziehen sich nicht in spektakulären Sprüngen, sondern langsam, aber recht kontinuierlich und selbst bei guter wirtschaftlicher Lage. Das macht sie besonders gefährlich, weil politischer Handlungsdruck lange übersehen werden kann.

Um diese Entwicklungen zu beenden und soziale Mobilität zu fördern, ist neben einer stärkeren Umverteilung über Steuern und der Verringerung von Langzeitarbeitslosigkeit vor allem der Abbau von Ungleichheiten im Bildungssystem dringend geboten, so die Untersuchung.

Zusammenfassende Ergebnisse finden Sie in der Pressemitteilung des WSI. Dort finden Sie den Bericht sowie gut aufbereitete Hintergrundinformationen.

Pressemitteilung

Seit dem 01.01.2015 gilt in Deutschland ein flächendeckender gesetzlicher Mindestlohn in Höhe von 8,50 €/Stunde. Ab dem 01.01.2017 steigt der Mindestlohn auf 8,84 €, die meisten Ausnahmen vom Mindestlohn werden allerdings weiterhin gelten. Quelle 

Mindestlöhne sind festgeschriebene Arbeitsentgelte, die Beschäftigten als Minimum zustehen. Grundlage für den Mindestlohn ist das Mindestlohngesetzes (MiLoG). Zudem gibt es allgemeinverbindliche Branchenmindestlöhne auf Basis von Tarifvertragsgesetz (TVG), Arbeitnehmerentsendegesetz (AEntG) und Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG). Nur für eine Übergangszeit von zwei Jahren, bis Ende 2016, dürfen die Branchenmindestlöhne unter dem allgemeinen Mindestlohn von 8,50 € liegen.

Die Beschäftigungswirkungen eines allgemeinen Mindestlohns sind aus ökonomisch theoretischer Sicht unbestimmt. Das Risiko von Jobverlusten steigt mit der Höhe des Mindestlohns und mit der Zahl der betroffenen Beschäftigten in einem Betrieb. Das IAB-Betriebspanel zeigt, dass im Jahr 2014 rund 12 % der befragten Betriebe in Deutschland mindestens einen Beschäftigten hatten, der weniger als 8,50 € pro Stunde verdiente. In diesen Betrieben waren im Schnitt 45 % der Beschäftigten vom Mindestlohn betroffen. Die Branchen mit der höchsten Betroffenheit sind das Gastgewerbe, der Einzelhandel sowie der Bereich Nahrungs- und Genussmittel. Quelle

Im April 2015, vier Monate nach Einführung des gesetzlichen Mindestlohns, wurden in Deutschland 1,9 Mio. Beschäftigungsverhältnisse mit dem gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro brutto je Arbeitsstunde bezahlt. 1,0 Mio. Jobs hatten einen Stundenlohn von weniger als 8,50 Euro (ohne Auszubildende, Praktikanten und Personen jünger als 18 Jahre). Vor Einführung des gesetzlichen Mindestlohns waren es noch 4,0 Millionen gewesen. Statistisches Bundesamt, Pressemeldung vom 29.06.2016

Sozialpolitisches Problem: Der gegenwärtige Mindestlohn reicht nicht aus, um nach 45 Beitragsjahren eine Altersrente in Höhe des Existenzminimums zu erreichen. Dafür wäre eine Höhe von 10,98 € notwendig. Bis zum Jahr 2028 müsste er sogar auf 17,84 € steigen. Erforderlich ist also ein Stopp der weiteren Absenkung des Rentenniveaus und die Rückkehr zu einer lebensstandardsichernden Rente. Quelle

Der Mindestlohn kann das grundlegende Problem zu vieler prekärer Jobs und einer ungerechten Verteilung des Reichtums nicht beseitigen. Sicher werden von ihm Millionen Geringverdiener profitieren, auch dürften die Aufstockerzahlen sinken. An der Aufstockerproblematik selbst wird sich aber wenig ändern, da der allgemeine Mindestlohn in vielen Fällen zu niedrig sein wird, um eine durch Erwerbseinkommen allein gesicherte Existenz zu führen.
Der Anteil der Beschäftigten, die bei einem Mindestlohn von 8,50 € Anspruch auf eine Lohnerhöhung hätten, liegt je nach Berechnungsweise des Stundenlohns und der Grundgesamtheit zwischen 13,6 % und 19,7 % der abhängig Beschäftigten. Quelle

Der DGB Nord sieht die Einführung des Mindestlohnes insgesamt positiv und fordert die Aufgabe der Ausnahmeregelung für Langzeitarbeitslose, weil keine signifikanten Neueinstellungen aufgrund von Niedriglohn zu verzeichnen sind. (PM vom 19.05.2015).

Hintergrundpapier zur Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns in Deutschland. Aktueller Diskussionsstand und Zusammenfassung ab S. 5.

Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung (WSI) zieht in seinem Report 01/2016 "Ein Jahr Mindestlohn in Deutschland - Erfahrungen und Perspektiven" eine überwiegend positive Bilanz. So deuten die überdurchschnittlich hohen Lohnsteigerungen in klassischen Niedriglohnbranchen auf erhebliche Mindestlohneffekte hin. Zudem blieben die von vielen Ökonomen befürchteten negativen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt aus. Allerdings gewährleistet ein solches Mindeslohnniveau für das WSI den im Mindestlohngesetz geforderten "angemessenen Mindestschutz der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer" nicht.
Das WSI bietet auf seinen Seiten einen aktuellen Überblick über die geltenden Mindestlöhne nach Branchen.

Schleswig-Holstein: In Schleswig-Holstein gilt der bundesweit höchste Mindestlohn von 9,18 € - allerdings nicht für jeden Arbeitgeber, aber für alle Einrichtungen und Betriebe des Landes sowie für alle Organisationen, die Geld vom Land bekommen. Zudem müssen sich alle Unternehmen an ihn halten, die staatliche Aufträge bekommen wollen. Das schreibt das schleswig.holsteinische Vergabegesetz vor. Für den Herbst 2016 ist eine Evaluation der Regelung geplant.

Zur Anpassung des Mindestlohns hat die Bundesregierung eine ständige Mindestlohnkommission eingerichtet.
Homepage

Niedrig ist ein Bruttolohn, wenn er selbst aus Vollzeitbeschäftigung nicht ausreicht, um die Existenz des Arbeitnehmers zu sichern. Der Niedriglohn liegt somit am Rande der Armutsgrenze.

Im Jahr 2014 lag der Anteil der Beschäftigten mit Niedriglohn bei 20,6% und ist seit 2010 nicht weiter gewachsen. Der Anteil von Beschäftigungsverhältnissen mit Hochlohn ist im selben Zeitraum um 0,9% auf 19% gestiegen. Quelle

6 % der tariflichen Vergütungsgruppen liegen zurzeit (Stand April 2015) unter 8,50 €, der Höhe des neuen gesetzlichen Mindestlohns. Niedrige Tarifgruppen unter 8,50 € bestehen in 19 Branchen, besonders betroffen sind fünf Branchen: Floristik, Friseurhandwerk, Gebäudereinigerhandwerk, Landwirtschaft und Erwerbsgartenbau. In diesen Branchen liegen zwischen 21 und 83 % der Vergütungsgruppen unterhalb von 8,50 €. In einigen Branchen ist der Anteil der Niedriglohngruppen seit 2010 besonders stark zurückgegangen. Dies gilt vor allem für das Bewachungsgewerbe, die Hotels und Gaststätten, das Fleischerhandwerk und den Erwerbsgartenbau. Quelle (Zusammenfassung am Anfang der Untersuchung)

Die Niedriglohngrenze ist mit zwei Dritteln des Medianverdienstes definiert. Dazu werden die betrachteten Verdienste in genau zwei Hälften geteilt. Eine Hälfte verdient weniger und die andere Hälfte verdient mehr als diesen Wert. Zwei Drittel dieses Wertes definieren den Niedriglohn (Medianverdienst).
Die Niedriglohngrenze lag 2014 bei 11,09 € brutto/Stunde. 20,6% aller Arbeitnehmer/innen erhielten einen Niedriglohn. Quelle

Seit gut 15 Jahren gehört Deutschland zu den OECD-Ländern, in denen Niedriglohnbeschäftigung am stärksten zugenommen hat. Die Zahl der Niedriglohnbeschäftigten ist seit 1995 von 5,9 auf 8,4 Mio. im Jahr 2012 gestiegen.
Eine Besonderheit des deutschen Niedriglohnsektors ist seine starke Streuung nach unten, da es bisher keine wirkungsvollen Untergrenzen gab, die sehr niedrige Löhne verhindert haben. 6,6 Millionen Beschäftigte (19,2 %) erhielten im Jahr 2012 einen Lohn unterhalb dem Mindestlohn von 8,50 € und 2,5 Millionen verdienten sogar weniger als 6,00 € die Stunde.
Die große Mehrheit der Niedriglohnbeschäftigten hat eine abgeschlossene Berufsausbildung und stammt aus den mittleren Altersgruppen. Quelle

„Der Anteil der gering Qualifizierten unter den Geringverdienern hat seit 1995 abgenommen, obwohl der Ausbau des Niedriglohnsektors vor allem mit der notwendigen Verbesserung der Beschäftigungschancen für gering Qualifizierte begründet wurde. Ihre Produktivität sei so niedrig, dass sie nur bei geringen Löhnen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt hätten, hieß es. Stattdessen werden zunehmend gut Qualifizierte unterhalb ihrer Produktivität bezahlt.“ Viele Untersuchungen belegen, dass sich Niedriglohnbeschäftigung zunehmend verfestigt hat. Quelle, S. 11

Es bleibt abzuwarten, ob der gesetzliche Mindestlohn das geeignete Instrument ist, soziale Verwerfungen durch Niedriglöhne zu verhindern und die Anzahl von "Aufstockern“ zu reduzieren.

Zu den atypisch Beschäftigten zählen befristet Beschäftigte. Teilzeitbeschäftigte mit bis zu 20 Wochenstunden, geringfügig Beschäftigte sowie Zeitarbeiter.
2015 waren 21 % der Erwerbstätigen atypisch beschäftigt (7,5 Mio.). Der Anteil der atypisch Beschäftigten ist gegenüber 2014 angestiegen, Frauen, junge Menschen, Migrant/innen und Geringqualifizierte sind besonders betroffen. Quelle
Vertiefend: Allmendinger, Jutta u.a.: Mehr Jobs oder nur mehr schlechte Jobs? Die Entwicklung atypischer Beschäftigung in Europa, WZBrief Arbeit 13, Berlin 2012. Download

69 % der berufstätigen Mütter arbeiteten im Jahr 2012 in Teilzeit. Quelle

Laut Bundesagentur für Arbeit waren im März 2015 7,2 Mio. Beschäftigte geringfügig entlohnt, davon 4,8 Mio. ausschließlich geringfügig entlohnt und 2,4 Mio. im Nebenjob geringfügig entlohnt. Eine geringfügig entlohnte Beschäftigung liegt vor, wenn das Arbeitsentgelt aus dieser Beschäftigung die Geringfügigkeitsgrenze von 450 € im Monat nicht überschreitet. Quelle

Die 2015 veröffentlichte Studie "Die Bedeutung atypischer Beschäftigung für zentrale Lebensbereiche" beleuchtet, welchen Einfluss atypische Beschäftigungsverhältnisse auf Partnerschaft und Familie, soziale Netzwerke oder die gesellschaftliche Teilhabe haben. Die Folgen sind erwartungsgemäß groß. Die Autoren der Studie sehen daher die Politik in der Pflicht, stärker als bisher den Zusammenhang zwischen individuellen und gesellschaftlichen Konsequenzen atypischer Beschäftigung in den Blick nehmen. So erhöhten atypische Beschäftigungsformen aufgrund der geringeren Erwerbsbeteiligung, von diskontinuierlichen Erwerbsbiographien sowie des tendenziell geringeren Einkommens das Risiko von Altersarmut, warnen die Forscher. Auch ein Faktor wie die höhere Trennungsrate im Zusammenhang mit Leiharbeit könne die soziale Integration von Beschäftigten schwächen. Neben den individuellen Problemen verursache dies sowohl volkswirtschaftlich als auch sozialpolitisch Folgekosten, die gerade in einer „alternden Gesellschaft“ nicht unterschätzt werden dürften. Studie mit Zusammenfassung

Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung bietet eine Datenbank „Atypische Beschäftigung“ mit aktuellen Zahlen für jeden Landkreis und jede kreisfreie Stadt.

Im Rahmen der Arbeitnehmerüberlassung stellt ein Arbeitgeber (Verleiher, Zeitarbeitsfirma) einem anderen Unternehmen (Entleiher) Arbeitnehmer (Leiharbeitnehmer, Zeitarbeitnehmer) zur Verfügung. Der Arbeitnehmer hat seinen individuellen Arbeitsvertrag mit einer Zeitarbeitsfirma und besitzt deshalb die gesetzlichen Arbeitnehmerrechte gegenüber dieser Firma. Durch Zeitarbeit werden einerseits konjunkturelle Schwankungen aufgefangen, andererseits werden weniger reguläre Arbeitsplätze in den Unternehmen geschaffen. Leiharbeitnehmer werden i.d.R. schlechter entlohnt als die Stammbelegschaft.

Bei zwei Drittel aller vollzeitbeschäftigten Leiharbeiter liegt das Einkommen unterhalb der Niedriglohnschwelle (2013: 1.973 €). Über alle Anforderungslevel und Berufsgruppen hinweg verdienen sie deutlich weniger als ihre regulär beschäftigten Kollegen und müssen ihr Gehalt häufiger mit Hartz-IV-Leistungen aufstocken.
2014 verdiente ein sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigter im Mittel 3.024 € brutto. Bei den Leiharbeitern lag das mittlere Bruttoeinkommen hingegen bei lediglich 1.758 € - 42 Prozent weniger. Dieser Unterschied lässt sich durchgängig über alle Berufsgruppen beobachten.
Quelle

Im Mai 2015 entfielen 32 % der bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten offenen Stellen auf die Leiharbeitsbranche. Die regionalen Unterschiede sind dabei erheblich. In manchen Gegenden ist jedes zweite Stellenangebot ein Leiharbeitsverhältnis. Quelle

Prekäre Beschäftigungsverhältnisse sind als Sonder- bzw. Unterform von atypischer Beschäftigung zu verstehen und haben drei wesentliche Merkmale: kein existenzsicherndes Einkommen, mangelnde Beschäftigungsstabilität und -fähigkeit (v.a. kein Zugang zu Weiterbildungsmöglichkeiten) und mangelnde Integration in die sozialen Sicherungssysteme. Zudem werden arbeits- und sozialrechtliche Standards (z.B. Kündigungsschutz) unterschritten.
Quelle, S. 7

Die Armutsforschung geht von 7 Mio. prekär Beschäftigten aus. Quelle

Erwerbstätige haben immer dann Anspruch auf aufstockendes Arbeitslosengeld II, wenn das Einkommen der Bedarfsgemeinschaft (des Haushalts) unterhalb des im SGB II definierten Existenzminimums liegt.

Im Jahr 2014 waren 6,7 % der überschuldeten Personen, die eine Schuldnerberatung in Anspruch nahmen, sogenannte Aufstocker. Ihr Anteil war damit mehr als doppelt so hoch wie ihr Anteil an der Gesamtheit der Erwerbstätigen (rund 3 %). Sie sind also überproportional häufig überschuldet. Quelle

Unter den ALG II-Bezieher/innen steigt der Anteil derjenigen, die zugleich erwerbstätig sind, seit Jahren kontinuierlich an. Waren es 2007 noch 23,1 %, so sind es im 2013 bereits 29,6 %. Zwar ist die absolute Zahl der Betroffenen mit etwa 1,3 Mio. in diesem Zeitraum weitgehend unverändert geblieben, berücksichtigt man aber, dass die Zahl der ALG II-Empfänger insgesamt (leicht) rückläufig ist, so zeigt sich ein deutlicher Bedeutungszuwachs der Gruppe der „Aufstocker“, der allerdings im Jahr 2013 zum Stillstand gekommen ist. Quelle

Der Anteil in Schleswig-Holstein liegt leicht über dem Bundestrend (31,5 % für 2012). Quelle

Im Sommer 2013 bekamen in Schleswig-Holstein 22.017 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte ergänzende SGB II-Leistungen (2,3 % aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten). Quelle

Geringe Löhne reichen nicht aus, um eine ausreichende Alterssicherung aufzubauen. Selbst bei einer lückenlosen Erwerbsbiographie von 45 Jahren und einer ständigen 40-Stundenwoche reicht ein Stundenlohn von 8,00 € nicht aus, um über das Niveau der Grundsicherung zu kommen. Bei geringerer Erwerbsdauer und kürzerer Arbeitszeit steigen die notwendigen Stundenlöhne schnell auf über 10 € pro Stunde. Quelle, S. 28 ff.

Die meisten Aufstocker sind alleinstehend und arbeiten weniger als 22 Stunden in der Woche. Im Durchschnitt verdienen sie einen Bruttostundenlohn von 6,20 € (Zahlen für 2011). Quelle

Seit der Einführung des Mindestlohns ist die Zahl der Aufstocker deutlich gesunken. Zu vermuten ist daher, dass der Mindestlohn zu einer Verschiebung der Arbeitszeit und der Einkommen der Aufstocker "nach oben" geführt hat. Möglich ist aber auch, dass vor allem geringfügige Jobs komplett gestrichen wurden – und die Menschen nun (wieder) vollständig abhängig von Hartz-IV-Leistungen sind.
Quelle

 

 

Im Jahr 2014 arbeiteten rund 45% der Arbeitnehmer/innen in Deutschland in einem tarifgebundenen Betrieb, das heißt in einem Betrieb, der entweder einem Branchen- (41%) oder Firmentarifvertrag (4%) unterlag.

Laut Statistischem Bundesamt lag nach den Ergebnissen der Verdienststrukturerhebung der Anteil der tarifgebundenen Betriebe im Jahr 2014 bei knapp 15 %. Die Tarifbindung steigt mit der Größe des Unternehmens an. Quelle (dort auch eine Übersicht der Tarifbindung nach Wirtschaftszweigen)

Verdeckte Armut bezeichnet die Nichtinanspruchnahme zustehender Sozialhilfe- bzw. Grundsicherungsleistungen aus Gründen von Unwissenheit oder Scham und ist in Deutschland keine Randerscheinung. In der Forschung hat sich eine Größenordnung von 40 % herauskristallisiert. Das heißt, dass etwa zwei Fünftel der Anspruchsberechtigten keine Leistung nach dem SGB II bzw. XII beziehen. Quelle, S. 10

Das Robert-Koch-Institut kommt in seiner Studie zum Thema zu folgenden Kernaussagen:

- Arbeitslose sind häufiger krank und sterben früher.

- Arbeitslose und prekär Beschäftigte haben mehr gesundheitliche Beschwerden.

- Die psychische Gesundheit wird durch Arbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigung besonders beeinträchtigt.

- Krankheiten können sowohl Folge als auch Ursache von Arbeitslosigkeit sein. Quelle

Nach eigener Einschätzung weisen insgesamt mehr als 40 % der ALG II-Empfänger schwerwiegende gesundheitliche Einschränkungen auf. Arbeitslose Grundsicherungsempfänger sind davon stärker betroffen als erwerbstätige Leistungsbezieher, die sogenannten Aufstocker. Nur ein sehr geringer Anteil der Unterschiede gegenüber Erwerbstätigen ohne Grundsicherungsbezug im selben Alter kann durch Unterschiede im Gesundheitsverhalten der Befragten erklärt werden. Quelle

Einer aktuellen Studie zufolge sind in Deutschland mehr als 480.000 Menschen zwar erwerbsfähig, aber gleichzeitig so "arbeitsmarktfern“, dass ihre Chancen auf Arbeit gen Null tendieren. Betroffen sind auch 340.000 Kinder unter 15 Jahren, die in den Haushalten der besonders benachteiligten Arbeitslosen leben.

Von der positiven Entwicklung am Arbeitsmarkt profitieren die Arbeitsmarktfernsten nicht, vielmehr kommt es zu einer massiven Verhärtung und Verfestigung der Langzeitarbeitslosigkeit im Grundsicherungssystem - mit enormen Folgekosten für die Betroffenen und die Gesellschaft.
Die Studie stellt die Grundsatzfrage: „Wollen wir eine teilhabeorientierte Ausgestaltung der Arbeitsmarktpolitik oder wollen wir den ´harten Kern´ der Langzeitarbeitslosen im passiven Transferleistungsbezug auf Dauer ´stilllegen´. Denn genau das wäre die ´Alternative´, die man offen aussprechen sollte“ (S. 21).

Eine an den Langzeitarbeitslosen und am normalen Arbeitsmarkt orientierte öffentlich geförderte Beschäftigung könnte nach Ansicht der Studie einen Beitrag zur Verbesserung der sozialen Integration dieser Personen leisten.

Mehr Informationen sowie die Studie finden Sie hier.

Statistisches Bundesamt u.a. (Hg.): Datenreport 2016. Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2016.
Im Kapitel 6 (Private Haushalte - Einkommen, Ausgaben, Ausstattung) werden detailliert die Einkommensentwicklung, die private Überschuldung sowie das Thema Armut und soziale Ausgrenzung dargestellt. Ferner werden grundlegende Begriffe erklärt und in den Zusammenhang gestellt.
Download

Diakonie Deutschland: Thema kompakt Armut, Berlin 2015.
Den Text zum Download und den mit zahlreichen Grafiken angereicherten Web-Beitrag finden Sie hier.

Diakonie Deutschland: Thema kompakt Arbeitslosigkeit, Berlin 2015.
Den Text zum Download und den mit zahlreichen Grafiken angereicherten Web-Beitrag finden Sie hier.

Nationale Armutskonferenz (Hg.): Schattenbericht. Zehn Jahre Hartz IV - zehn verlorene Jahre, Berlin 2015.
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Nationale Armutskonferenz (Hg.): Soziale Teilhabe und ein menschenwürdiges Existenzminimum. Januar 2014.
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Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Oben - Mitte - Unten. Zur Vermessung der Gesellschaft, Schriftenreihe Band 1576, Bonn 2015.
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Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut: Trotz Aufschwung: Einkommenungleichheit geht nicht zurück, WSI-Verteilungsbericht 2015.
Zusammenfassung und Download


Weiterführende Literatur zum Thema Armut und soziale Ausgrenzung finden Sie hier.

Nationale Armutskonferenz

Die Nationale Armutskonferenz (nak) ist im Herbst 1991 als deutsche Sektion des Europäischen Armutsnetzwerks EAPN (European Anti Poverty Network) gegründet worden. Sie ist ein Bündnis von in Deutschland tätigen bundesweiten Organisationen, Verbänden und Initiativen, die sich für eine aktive Politik der Armutsbekämpfung einsetzen.
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Internet-Portal "Sozialpolitik aktuell"

Kostenloses, nicht kommerzielles Service-Angebot der Universität Duisburg-Essen, initiiert und betreut von Prof. Dr. Gerhard Bäcker und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Lehrstuhls für Sozialpolitik.

Dort finden sich viele relevante Dokumente zum Thema Armut und Einkommensverteilung in Deutschland.
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Sozialberichterstattung der amtlichen Statistik

Umfassendes Angebot an vergleichbaren Daten für Bund und Länder aus den Bereichen soziale Mindestsicherung sowie Armut und soziale Ausgrenzung.
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Bündnis für ein menschenwürdiges Existenzminimum

Zahlreiche Verbände und Organisationen haben sich seit 2010 mit Stellungnahmen,­ Expertisen, öffentlichen Erklärungen und Aktionen bemüht, die politische­ und gesetzliche Neuregelung des soziokulturellen Existenzminimums in der Bundesrepublik Deutschland im Sinne der betroffenen Menschen zu beeinflussen. Nach mehreren Sondierungsgesprächen im Jahr 2011 haben sich die Akteure auf Mindestanforderungen an eine Neubestimmung­ des gesellschaftlichen Existenzminimums geeinigt und das Bündnis für ein menschenwürdiges Existenzminimum gegründet.
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Armuts- und Reichtumsbericht Deutschland

Seite des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales mit Informationen zum aktuellen Armutsbericht und den vier Vorgängerberichten.
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O-Ton Arbeitsmarkt - ... die alternative Berichterstattung

O-Ton Arbeitsmarkt ist ein Kooperationsprojekt des Instituts für Bildungs- und Sozialpolitik der Hochschule Koblenz (ibus) und des Evangelischen Fachverbands für Arbeit und Soziale Integration e.V. (EFAS). Die Seite hat es sich zum Ziel gesetzt, eine Alternative zur offiziellen Arbeitsmarktberichterstattung zu liefern. Sie begleitet Meldungen zum deutschen Arbeitsmarkt kritisch und bietet Erläuterungen und ergänzende Informationen zur Arbeitsmarktlage und -entwicklung, zur Arbeitsmarktstatistik, zur Arbeitsmarktpolitik und zu angrenzenden Sozialthemen.
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Koordinierungsstelle Schuldnerberatung in Schleswig-Holstein